Sonntag, 27. September 2026

Christina Thümer-Rohr im Video von Jonas Englert: Am Thema bleiben von Anfang bis Ende

  

Christina Thürmer-Rohr © Jonas Engler

 

Christina Thümer-Rohr im Video
Am Thema bleiben von Anfang bis Ende


"In der Frauen- und Geschlechterforschung leistete Christina Thürmer-Rohr wegweisende Pionierarbeit. Die Professorin an der TU in Berlin rief 1976 hierzu den ersten Studienschwerpunkt ins Leben und kämpfte für die Befreiung der Frauen aus dem Normengefüge des patriarchalen Systems. Ihr Tod am 10. September 2026 fand in den Medien kaum Wiederhall. Jonas Englert gewährt in dem nachfolgenden Video einen ausführlichen Einblick in den Werdegang von Christina Thürmer-Rohr und ihren Einsatz für eine geschlechtergerechtere Welt.

Der Künstler Jonas Englert rückt seit 2015 mit seinem fortlaufenden Video-Projekt „Zoon Politikon“ die Biographien von Menschen in den Blick, die maßgebliche Beiträge zur Veränderung gesellschaftlicher Strukturen leisten." 

Erstellungsdatum: 23.09.2026

Das fast 50 minütige Video mit Christina Thürmer-Rohr kann hier gesehen werden.

 

Zum Projekt  Zoon-Politikon

"Der Begriff Zoon Politikon wurde von Aristoteles in seiner Schrift Politika eingeführt, in der er den Menschen als genuines die Gemeinschaft, die »Polis« bzw. den Staat bedingendes Lebewesen beschreibt.
Das Projekt »Zoon Politikon« versteht sich als Langzeit-Videoarbeit, die autobiografische Perspektiven von Persönlichkeiten wiedergibt, die den Komplex »Polis« erfahrbar machen. Aufbauend auf Praktiken der Oral History geht es darum, die individuellen wie gesellschaftlichen Paradigmen, Wandel und Zusammenhänge des 20. und 21. Jahrhunderts anhand solcher Biografien sichtbar zu machen, die sich im Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit bewegen.
Die aufgenommenen Personen sind gebeten, ihr Leben als politische Menschen zu beschreiben. Sobald die Kamera läuft, tritt das Gegenüber in den Hintergrund, sodass nichts als das zur Kamera gerichtete Gesicht der Person auf schwarzem Hintergrund zu sehen und ihre Stimme zu hören ist. Nach dem Vorgespräch werden keine Fragen mehr gestellt. Losgelöst von Interviewkonventionen erzählt die jeweilige Person in Eigendramaturgie und beantwortet so mitunter Fragen, die ihr nie gestellt worden wären."

Zu den von ihm porträtierten Personen gehören, um nur einige wenige zu nennen, auch Rita Süssmuth, Daniel Cohn-Bendit, Ute Gerhard, Frigga Haug und Claudia von Braunmühl. 

 

 

Christina Thürmer-Rohr in the video
Staying on topic from start to finish


Christina Thürmer-Rohr
carried out groundbreaking pioneering work in the field of women’s and gender studies. In 1976, the TU Berlin professor established the first academic specialization in this area and fought for women's liberation from the normative structures of the patriarchal system. Her death on September 10, 2026, received little media attention. In the following video, Jonas Englert provides a detailed look at Christina Thürmer-Rohr’s career and her commitment to a more gender-equitable world.

Since 2015, artist Jonas Englert has focused—through his ongoing video project "Zoon Politikon"—on the biographies of individuals who make significant contributions to changing social structures.

Creation date: 23 September 2026

 

 To the video with Christina Thürmer-Rohr

 (Unfortunately, the video does not have English subtitles.)

 

More on the project Zoon-Politikon

"The term "zoon politikon" was introduced by Aristotle in his work "Politics", in which he describes the human being as a creature fundamentally defined by the community—the "polis" or the state.
The "Zoon Politikon" project is conceived as a long-term video work that presents the autobiographical perspectives of individuals who bring the concept of the "polis" to life. Drawing on oral history practices, the project aims to reveal the individual and societal paradigms, transformations, and interconnections of the 20th and 21st centuries through biographies that navigate the tension between the private and the public spheres.
The participants are asked to describe their lives as political beings. Once the camera is rolling, the interviewer recedes into the background, leaving only the subject’s face—directed toward the camera against a black backdrop—visible and their voice audible. No further questions are asked after the preliminary conversation. Freed from standard interview conventions, each individual tells their story according to their own narrative structure, thereby sometimes answering questions that would never have been asked of them otherwise."

Among the people he has portrayed—to name just a few—are Rita Süssmuth, Daniel Cohn-Bendit, Ute Gerhard, Frigga Haug, and Claudia von Braunmühl.

 

Source: 

-  Am Thema bleiben von Anfang bis Ende/ textor 23.09.2026

In Memory of Christina Thürmer-Rohr: Waltraud Schwab: " Keine Luftbrücken bitte!" - "No Bridges Built of Thin Air, please!"

Gestern früh fand ich Waltraud  Schwabs Text zur Erinnerung an Christina Thürmer-Rohr. Sie hat mir gestattet, ihn hier zu veröffentlichen und ihn auch auf Englisch einzustellen. Waltraud Schwab ist Journalistin, Autorin und Dozentin. 

Yesterday morning, I came across Waltraud Schwab’s piece commemorating Christina Thürmer-Rohr. She has given me permission to publish it here and to post an English version as well. For the English version please scroll down. Waltraud Schwab is a journalist, author, and lecturer.



Christina Thürmer-Rohr

 

Keine Luftbrücken bitte!
24. September 2026 · by Waltraud Schwab 


Am 10. September 2026, zwei Monate vor ihrem 90. Geburtstag, starb die Sozialwissenschaftlerin, feministische Theoretikerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr. Für die Frauenbewegung, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts aufkam, war sie Impulsgeberin mit Eigensinn. Diesen bisher unveröffentlichten Text habe ich anlässlich ihres 70. Geburtstags geschrieben. Ich stelle ihn gekürzt und aktualisiert hier ein.

***


In der Wohnung von Christina Thürmer-Rohr gibt es Salons und Arbeitsräume. In einem stehen zwei Flügel. In einem anderen steht eine Orgel, in den verbliebenen zwei Zimmern gibt es wändelang Bücher. Natürlich kommt der Computer dazu. Auf seinen winzigen Chips läuft alles zusammen, dem sich Thürmer-Rohr verschrieben hat: der Musik, dem Denken, Reden, Schreiben. Zwischen den Räumen liegt zudem die Küche. Dort trifft sie sich mit ihre Lebensgefährtin, der Musikerin Laura Gallati, dort werden Freundinnen und Gäste bewirtet.

Heute, an ihrem 70. Geburtstag, allerdings nicht. Die Professorin möchte nicht gefeiert werden. „70 sei zu sehr die Zahl des Erinnerns“, sagt sie. Sie hingegen misstraue der subversiven Kraft des Gedächtnisses, das aus einem brüchigen Leben ein Ganzes machen will. „Anlässlich eines solchen Geburtstages wird gekittet und geleimt, da werden Luftbrücken gebaut, da wird zusammengebastelt, was in Wirklichkeit niemals hält.“

Je länger Thürmer-Rohr ihrer Abneigung freien Lauf lässt, desto deutlicher wird sie: Was bringe es, Kinderbilder rauszukramen, Lebensgeschichten Revue passieren zu lassen, wenn es einzig mit der Absicht geschehe, eine Kontinuität zu konstruieren, die nur der Eitelkeit geschuldet sei, fragt sie. „Alles in der Hoffnung, so etwas wie Identität dabei herauszuschälen.“ Das sei wie einen Punkt setzen. In ihrem Leben aber gehe es nicht um Punkte, es geht um Gedankenstriche, um Veränderung. Was sie im Umkehrschluss sagt: Wer also ein Porträt von ihr machen will, muss zwangsläufig scheitern.

Thürmer-Rohr ist Pädagogikprofessorin. Aber sie war auch 68erin, war zudem Stadtplanerin, war von 1977 bis 1983 neben ihrer Arbeit an der Universität auch Rockmusikerin in der Frauenband „Außerhalb“, und ganz früher Existenzialistin. Jean Paul Sartre, Juliette Gréco waren Vorbilder damals. Mit schwarz geschminkten Augen, in engen Röcken und zehn Zentimeter hohen Absatzschuhen sei sie in der Freiburger Studentenzeit in den 50er Jahren herumgelaufen. Ohnehin fast 1,80 groß habe sie mit ihren Schuhen all ihre Kommilitonen, überragt. „Es ging um Wahrnehmung, es ging um die Regie über mein Leben.“

Ihre Art, sich zu geben, ist ein provozierendes Gegenkonzept zum Frauenbild, das in den 50er Jahren galt. Damals wurde Frauen „Heim und Herd“ als Bestimmung mit allen Mitteln wieder schmackhaft gemacht. Dies, obwohl sie doch im Krieg gelernt hatten, sämtliche Aufgaben an der Heimatfront zu bewältigen. Die ehemaligen deutschen Soldaten und Heimkehrer aus Gefangenschaften, deren Egos zertrümmert waren, sollten die von den Frauen übernommenen Aufgaben zurückbekommen. Denn gesellschaftliche Arbeit zieht – im Gegensatz zur privaten – gesellschaftliche Wertschätzung nach sich.

Wenn Thürmer-Rohr von ihren damaligen Kommilitonen erzählt, die fast alle ehemalige Kriegssoldaten und zehn Jahre älter gewesen seien als sie, wirkt das, als sei ihr Uni-Universum mit in sich gekehrten Gestalten bevölkert, die anfangs immer Theologie studierten, später aber zu Psychologie wechselten. Ihr erster Freund sei auch so einer gewesen. „Mit 14 noch in den Krieg. Mit 15 in russischer Gefangenschaft.“ Sie sei angezogen gewesen von diesen abgestürzten Soldatenkarrieren, dieser Mischung aus Entsetzen, Geheimnis und Sprachlosigkeit.

Während ihres Philosophie- und Psychologiestudiums in Freiburg und in Heidelberg sei sie, wie oft in ihrem Leben, nahezu die einzige Frau gewesen. Sie hat die Abwesenheit der Geschlechtsgenossinnen als Mangel erkannt. Als die Frauenbewegung in den 70er Jahren wuchs, war sie eine derjenigen, die schnell verstand, wie bedeutsam dieser gesellschaftliche Aufbruch war. Ab 1976 unterrichtete sie an der Pädagogischen Hochschule in Berlin und gründete den Studienschwerpunkt „Frauenforschung“, engagierte sich im Verein zum Schutz misshandelter Frauen, wechselte 1980 an die Technische Hochschule, wo sie den Fachbereich Erziehungswissenschaften aufbaute und Studien in Feministischer Theorie, Menschenrechte und Erinnerungskultur forcierte. Es gibt nicht viele Frauen, die sich, wie sie, seit damals Feministin nennen, ohne dass ihr etwas Gestriges anhängt wird.

Das heißt nicht, dass man ihre Leistungen nicht dennoch zunichte machen kann. Der Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität in Berlin, wurde 2003 abgewickelt. Vor kurzem wurde die emeritierte Professorin gebeten, auch ihr Arbeitszimmer an der Uni, das ihr auf Lebenszeit zusteht, zu räumen. Da es ihren Fachbereich nicht mehr gibt, ist die Universität nicht verpflichtet, die dort gesammelten Diplomarbeiten einer ganzen Generation von Studentinnen zu archivieren. „Die Arbeit von 30 Jahren wird vernichtet.“

Thürmer–Rohr ist anerkannt, weil sie unberechenbar ist. In einem feministischen Status Quo hat sie sich nie eingerichtet. Ihre Triebfeder sei Veränderung, betont sie immer wieder. Als das Patriarchat durch die Frauenbewegung auf den Prüfstand kam und Männer in einem Akt der Vereinfachung als Täter, Frauen als Opfer da standen, war es Thürmer-Rohr, die die Gegenthese dazu auf die deutsche Befindlichkeit herunterbrach: Frauen sind auch Täterinnen. Und Mittäterinnen. Dies zwinge unter anderem auch zu einer ganz anderen Lesart und Ursachenforschung des Nationalsozialismus.

Anfeindungen, die ihr mit diesem und anderen Tabubrüchen ins Haus kommen, steckt sie, so scheint es, weg. Thürmer-Rohr wirkt kühl und kühn. Hinter ihren rabenschwarz gefärbten, in die Stirn fallenden Haaren und der dunkel gerandeten Brille versteckt sie ihrevAugen. Laura Gallati, die aus der Schweiz stammende Pianistin und Komponistin, mit der sie schon viele Jahre zusammenlebt und zusammenarbeitet, werde von allen umarmt. Sie aber bekomme lediglich die Hand hingestreckt. Wer auf Thürmer-Rohr trifft, kommt zuerst in ihrem Kopf an. Dabei indes muss es nicht bleiben.

Denn Veränderung ist das Leitmotiv, auf das sie besteht. Der Gedanke, „dass Nichts so bleiben muss, wie es ist“, habe sie geprägt. Wenn eine wie Thürmer-Rohr, deren erste neun Lebensjahre vom Lärm des Nationalsozialismus und Krieg übertönt waren, das sagt, liegt die Frage auf der Hand. Warum?

An der Stelle beginnt sie, von ihrem Vater zu erzählen. Er war Pfarrer und überzeugter Nazi. Sie habe sich radikal von ihm getrennt. Sie habe ihn abgespalten, abgetrieben, abgeschrieben. Gut, es war leicht, er starb 1941 beim Frankreichfeldzug. Seither sei sie seiner Körperlichkeit entbunden. Ob sie ihn ansonsten losgeworden ist, sei eine Frage der Interpretation. Alles, was sie von ihm habe, seien herzzerreißende Briefe aus dem Krieg, adressiert an sie und ihre fünf Jahre ältere Schwester. „Darin erzählt er von seiner unerschütterlichen Liebe zu seinen Töchtern und den großen Ideen, für die er sterben will.“

Das Trio – Mutter, Schwester und sie – sei durch die Abwesenheit des Vaters zusammengeschweißt worden. Allerdings soll die Mutter dem Überlebenskampf im Krieg kaum gewachsen gewesen sein. Hunger, Angst, Dunkelheit, Feuer, Kälte, Tiefflieger, Bomben, Totenstarre.

Nach dem Krieg holte der Großvater, der Diakon in Bethel war, den Drei-Frauen-Haushalt in die, einen ganzen Stadtteil von Bielefeld umfassende, Krankenanstalt. Dort war er, da Anti-Nazi, als Bürgermeister eingesetzt. Ob Bethel damals für ein Kind eine Veränderung zum Besseren war, bleibt unklar. Vorwiegend Menschen mit dem Down-Syndrom und Epileptiker, lebten dort, erzählt Thürmer-Rohr. Da es nach dem Krieg keine Medikamente gab, konnten die Kranken überall ihre Anfälle bekommen: auf der Straße, in der Kirche, beim Bäcker, in der Schule. Außerdem wurden in Bethel viele Kriegsversehrte aufgenommen. Menschen ohne Unterkörper, die sich auf einem Brett mit Rollen fortbewegten, Soldaten mit halb weggeschossenen Gesichtern. „Ohne Nase oder nur noch mit Höhlen, wo die Augen waren.“ Im religiös geprägten Ort sei dazu ein Mix aus Schuld und Sündhaftigkeit gepredigt worden. „Man ahnte nur ein furchtbares Grauen, ein diffuse Angst, die einen nicht qualifizierte, das Leben mit Freude anzupacken.“ Einziger Lichtblick: Mit 13 Jahren nahm der Organist der Betheler Kirche Thürmer-Rohr als Schülerin an. „Ich wollte was Besonderes. Ich war nicht einfach eine widerborstige, graue Maus. Ich habe mir Bereiche gesucht, wo ich expansiv war, groß und öffentlich.“

„Eigentlich müsste ich dankbar sein“, sagt Thürmer-Rohr. Wie wenigen Frauen nur in Deutschland seien ihr immer alle Türen offen gestanden. Dass sie Orgel spielen, dass sie studieren konnte, obwohl die Familie arm war, dass sie promovieren konnte, dass ihr die Stellen an den Universitäten angetragen wurden, dass sie sich aussuchen konnte, was sie tun will. Dass sie ihre Meinung sagen kann, öffentlich. Dass sie gehört wird selbst mit unangenehmen Ideen.

Thürmer-Rohr weiß um die Ausgrenzung des weiblichen Denkens. Sie hat sich in ihren Schriften immer wieder damit beschäftigt. Weil es ihr jedoch um Veränderung, nicht um Stillstand geht, hat sie sich auch mit Marxismus und politischer Ethik, mit Globalisierung und Demokratie, mit Nationalsozialismus und Freiheit auseinandergesetzt. Und seit der Wiedervereinigung, die doch etwas zusammenführen soll, beschäftigt sie sich mit dem, was Menschen auseinandertreibt, der Widervereinigung also. Den Dialog zwischen beiden Extremen sucht sie seither.

Bleibt noch Freundschaft und Liebe. Bei einer, die Veränderung konsequent lebt, gibt es auch da genug Brüche.„Ich habe mir kein Netzwerk gebaut. Und ich habe Menschen auch verloren.“ Als sie sich zum ersten Mal in eine Frau verliebt, hat sie den Sohn gepackt und den Mann verlassen. Weitere Dissonanzen im Denken und Handeln folgten. „Man muss sehr gut zu sich sein, um sich verzeihen zu können, für das, was man gedacht und gesagt hat. Dann gibt es Tage, an denen man sich nicht verzeihen kann.“ Ihre Aufgabe sei es, dennoch den Grundakkord in ihrem Leben zu finden, um den, wie in der Fuge, alles Denken, alle Widersprüche, alles Unfertige kreist.

An der Stelle kommen Laura Gallati, Johann Sebastian Bach und Hannah Arendt ins Spiel. Mit Gallati, der Lebensgefährtin, der vom Ungehörten faszinierten Musikerin, der am Experiment geschulten Pianistin – kann Thürmer-Rohr in einen Dialog treten. Wenn jede dabei an ihrem Flügel sitzt und gegen die andere ankämpft, bis sie Harmonien finden in einem Motiv, ist Dialog nah.

Vor zehn Jahren haben die beiden entdeckt, dass Bachs Kunst der Fuge und Arendts „Übungen im politischen Denken“ im Grunde dasselbe wollen wie sie: Am Thema bleiben. Nach Wesentlichem suchen. Auf Wesentlichem bestehen. In Verständigung treten. Seither suchen sie nach einer Synthese zwischen unserer Gegenwart und deren Vergangenheit, zwischen Philosophie und Musik.

Und zwischen dem, wie ein Leben sein kann und dem, wie es ist.

 

  

 Laura Gallati and Christina Thürmer-Rohr, source

 

"No Bridges Built of Thin Air, please!"

September 24, 2026 · by Waltraud Schwab 

 

On September 10, 2026—two months before her 90th birthday—, social scientist, feminist theorist, and musician Christina Thürmer-Rohr passed away. She was a spirited and independent driving force within the women's movement that emerged in the 1970s. I wrote this previously unpublished text on the occasion of her 70th birthday. I am posting an abridged and updated version here.

 ***

 

Christina Thürmer-Rohr's apartment consists of salons and workspaces. In one room stands two grand pianos. In another is an organ, and in the remaining two rooms, books line the walls from floor to ceiling. Naturally, the computer completes the scene. On its tiny chips, everything Thürmer-Rohr dedicated herself to converges: music, thinking, speaking, writing. The kitchen lies between these rooms. That is where she meets with her partner, the musician Laura Gallati, and where female friends and guests are entertained.

Not today, however, on her 70th birthday. The professor does not wish to celebrate. "70 is too much a number of remembering," she says. She, on the other hand, distrusts the subversive power of memory, which which seeks to turn a fragile life into a cohesive whole. "On the occasion of such a birthday, things are cemented and glued together, bridges are built out of thin air, and things are cobbled together that, in reality, would never hold.“

The longer Thürmer-Rohr gives free rein to her aversion, the more explicit she becomes: What is the point, she asks, of digging out childhood photos and reviewing life stories, if it is done solely with the intention of constructing a continuity that is nothing more than born out of vanity? " "All in the hope of peeling away the layers to reveal something like an identity." That, she explains, is like placing a period. In her life, however, it is not about periods; it is about dashes, about change. Conversely, what she is saying is: anyone who attempts to create a portrait of her is bound to fail.

Thürmer-Rohr is a professor of education. But she was also a '68er, worked as an urban planner, and from 1977 to 1983—alongside her university tenure—played rock music as a member of the all-female band "Außerhalb" (Outside). Long before that, she was an existentialist. Jean-Paul Sartre and Juliette Gréco were her icons back then. During her student days in Freiburg in the 1950s, she would walk around with heavily lined eyes, wearing tight skirts and and ten-centimeter high heels. Standing nearly 1.80 meters tall anyway, her shoes made her tower over all her male classmates. "It was about perception," she says. "It was about directing my own life."

Her way of presenting herself was a provocative counter-concept to the image of women that prevailed in the 1950s. Back then, "home and hearth" was aggressively repackaged as women's true destiny—despite the fact that they had learned during the war to handle all tasks on the home front. The former German soldiers returning from captivity with shattered egos were meant to reclaim the roles that women had taken over. After all, public labor—unlike private labor—brings with it societal recognition.

When Thürmer-Rohr talks about her fellow students at the time, almost all of whom were former soldiers and ten years older than her, it feels as though her university universe was populated by introverted figures who always started out studying theology but later switched to psychology. Her first boyfriend was one of them, too. "Off to war at 14. In Russian captivity at 15." She was drawn to these crashed soldier careers, to this mixture of horror, mystery, and speechlessness. 

During her studies of philosophy and psychology in Freiburg and Heidelberg, she was—as so often in her life—almost the only woman. She recognized the absence of her female peers as a deficiency. As the women's movement grew in the 1970s, she was one of those who quickly understood how significant this societal awakening was. From 1976, she taught at the College of Education in Berlin and founded the focus area "Women's Studies." She was actively involved in the Association for the Protection of Battered Women, and in 1980 she moved to the Technical University, where she established the Department of Education and promoted studies in Feminist Theory, Human Rights, and the Culture of Remembrance. There are not many women who, like her, have called themselves feminists since that time without having something old-fashioned attached to them.

This does not mean, however, that her achievements cannot still be undone. The Department of Educational Sciences at the Technical University in Berlin was liquidated in 2003. Recently, the professor emerita was asked to vacate her university office, which she is entitled to for life. Since her department no longer exists, the university is under no obligation to archive the theses collected there from an entire generation of female students. "Thirty years of work are being destroyed."

Thürmer-Rohr is recognized because she is unpredictable. She has never settled into a feminist status quo. Her driving force is change, she emphasizes again and again. When the patriarchy was put to the test by the women's movement and men stood there as perpetrators and women as victims in an act of simplification, it was Thürmer-Rohr who broke down the counter-thesis for the German consciousness:  Women are also perpetrators. And accomplices. Among other things, this forces a completely different interpretation and analysis of the root causes of National Socialism.

She shrugs off the hostility that comes her way due to this and other broken taboos, or so it seems. Thürmer-Rohr comes across as cool and bold. She hides her eyes behind jet-black dyed hair that falls into her forehead and dark-rimmed glasses. Laura Gallati, the Swiss pianist and composer with whom she has lived and collaborated for many years, gets embraced by everyone. She, on the other hand, is only offered a handshake. When you meet Thürmer-Rohr, you arrive in her mind first. However, it does not have to stop there. 

For change is the leitmotif she insists upon. The thought “that nothing has to remain as it is” shaped her. When someone like Thürmer-Rohr, whose first nine years of life were drowned out by the noise of National Socialism and war, says this, the question is obvious. Why?

At this point, she begins to talk about her father. He was a pastor and a staunch Nazi. She cut herself off from him radically. She split him off, cast him out, wrote him off. Granted, it was easy; he died in 1941 during the French campaign. Since then, she has been released from his physical presence. Whether she got rid of him otherwise is a matter of interpretation. All she has of him are heartbreaking letters from the war, addressed to her and her sister, who is five years older. "In them, he speaks of his unwavering love for his daughters and the grand ideas he is willing to die for."

The trio—mother, sister, and herself—was welded together by the father's absence. However, her mother was said to be barely able to cope with the struggle for survival during the war. Hunger, fear, darkness, fire, cold, low-flying aircraft, bombs, rigor mortis. 

After the war, her grandfather, who was a deacon in Bethel, brought the three-woman household to the hospital colony, which spanned an entire district of Bielefeld. Because he was an anti-Nazi, he had been appointed mayor there. Whether Bethel was a change for the better for a child at that time remains unclear. Mostly people with Down syndrome and epileptics lived there, Thürmer-Rohr recounts. Since there was no medication after the war, the patients could have their seizures anywhere: on the street, in church, at the bakery, at school. In addition, many war- disabled veterans were taken in at Bethel. Men with no lower bodies who moved around on a wheeled board, soldiers with half their faces shot away. "Without a nose, or with only hollows where the eyes used to be." In this religiously shaped place, a mix of guilt and sinfulness was preached on top of that. "One only sensed a terrible horror, a diffuse anxiety that didn’t qualify you to embrace life with joy." The only ray of hope: at the age of 13, the organist of the Bethel church took Thürmer-Rohr on as a student. "I wanted something special. I wasn't just a defiant, gray mouse. I looked for areas where I could be expansive, big, and public." 

 “Actually, I ought to be grateful,” says Thürmer-Rohr. Like few women in Germany, all doors had always been open to her. The fact that she could play the organ, that she could study even though her family was poor, that she could complete her doctorate, that university positions were offered to her, that she could choose what she wanted to do. That she can speak her mind, publicly. That she is listened to, even with uncomfortable ideas.

Thürmer-Rohr is well aware of the exclusion of female thought. She has addressed it repeatedly in her writings. However, because she is concerned with change rather than stagnation, she has also engaged with Marxism and political ethics, with globalization and democracy, with National Socialism and freedom. And since German reunification, which was supposed to bring something together after all, she has been exploring what drives people apart—the dis-unification, as it were. Since then, she has been seeking a dialogue between these two extremes.

What leaves friendship and love. For someone who lives change so consistently, there are plenty of ruptures here as well. “I haven’t built myself a network. And I have lost people, too.” When she fell in love with a woman for the first time, she packed up her son and left her husband. Further dissonances in thinking and acting followed. “You have to be very good to yourself to be able to forgive yourself for what you have thought and said. Then there are days when you cannot forgive yourself.” Her task, she says, is nonetheless to find the fundamental chord in her life around which—as in a fugue—all thinking, all contradictions, and everything unfinished revolve.

This is where Laura Gallati, Johann Sebastian Bach, and Hannah Arendt come into play. With Gallati—her partner, a musician fascinated by the unheard, a pianist trained in experimentation—Thürmer-Rohr can enter into a dialogue. When both sit at their respective grand pianos, wrestling against the other until they find harmonies within a motif, dialogue is close at hand.

Ten years ago, the two discovered that Bach’s The Art of Fugue and Arendt’s Between Past and Future (Exercises in Political Thought) essentially want the same thing they do: to stay on topic. To search for the essential. To insist on the essential. To reach an understanding. Since then, they have been searching for a synthesis between our present and their past, between philosophy and music.

And between how a life can be, and how it is.

 

Original text in German/here:

-  Keine Luftbrücken bitte!/Waltraud Schwab 24.09.2026

 

Articles related to Christina Thürmer-Rohr & Laura Gallati by Waltraud Schwab:

-  Mit Metall, Glas und Wolle in den Flügel/ TAZ, Waltraud Schwab 23.06.1999

-  Herrschaft ist Bluff/ TAZ, Waltraud Schwab 05.03.2005

 

More on and by Waltraud Schwab:

- Waltraud Schwab's webpage 

- Waltraud Schwab auf wikipedia 

- Brombeerkind 

Mittwoch, 23. September 2026

„... Bis plötzlich, wie der Abschied auf der Reise, die große Stille in den Rahmen bricht.“ - Trauer um Christina Thürmer-Rohr

"Ein Leben hat aufgehört, das angefüllt war mit Denken, Schreiben
und der Sorge um die Verletzbarkeit von Menschen und der Welt.

Wir verlieren einen freien und unerschrockenen Geist.
Wir vermissen Christinas Begabung zur Freundschaft.

Die Erinnerung an sie ist uns Aufforderung
und kostbares Erbe zugleich."
 
 
"A life has come to an end—one filled with thinking, writing, 
and a deep concern for the vulnerability of humanity and the world.
 
We have lost a free and fearless spirit.
We will miss Christina’s gift for friendship.
 
Her memory is both a calling and a precious legacy to us."

 
 

Den Worten ihrer Lebensgefährtin und engsten Familie habe ich (heute) nichts hinzuzufügen. Ich habe erst gerade von Christina Thürmer-Rohrs Tod am 10.September erfahren.

All mein Mitgefühl an Laura, Til und all jene, die zu ihrem Leben gehört haben und die sie vermissen werden.

I have nothing to add (today) to the words of her partner and closest family. I have only just learned of Christina Thürmer-Rohr’s passing on September 10th.

My deepest sympathy goes out to Laura, Til, and all those who were part of her life and will miss her.

 

 

„... Bis plötzlich, wie der Abschied auf der Reise, die große Stille in den Rahmen bricht.“  

"... Until suddenly, like the parting on a journey, the great silence breaks into the frame." 

Hannah Arendt 

 

Heute ist eine ganz große Stille.

Today is a day of profound silence. 

Mittwoch, 22. Juli 2026

Norwegen: 15 Jahre nach dem Terror...15 Years after the Terror...Tribute to the victims of Oslo and Utøya

„Von dieser Insel geht eine Stimme aus, die mahnt, dass unsere Demokratie niemals selbstverständlich ist. Sie muss jeden Tag aufs Neue errungen werden.“ 

Jonas Gahr Støre, Ministerpräsident Norwegens 

 Utøya ist 15 Jahre nach dem Terror Trauma und Auftrag gleichermaßen.

 

 "A voice emanates from this island, reminding us that our democracy can never be taken for granted.It must be won anew every day." 

Jonas Gahr Støre, Prime Minister of Norway

Fifteen years after the terror, Utøya represents both trauma and a mandate.

 

 

© Kunstgießerei Strassacker

 Am 22. Juli 2011 zündete Anders Behring Breivik vor dem Büro des norwegischen Ministerpräsidenten im Zentrum von Oslo eine Bombe und tötete dabei acht Menschen. Anschließend begab er sich zu einem Jugendcamp auf der bewaldeten Insel Utøya, wo er weitere 69 Menschen tötete – überwiegend jugendliche Mitglieder der regierenden norwegischen Arbeiterpartei bei ihrem jährlichen Zeltlager.151 Menschen wurden verletzt.

On July 22, 2011, Anders Behring Breivik detonated a bomb outside the Norwegian prime minister’s office in central Oslo, killing eight people. He then proceeded to a youth camp on the wooded island of Utøya, where he killed 69 more, most of them teenage members of the country’s governing Labor Party attending their annual summer camp.151 were injured.

 

Time to remember... 

 


Victims of the bomb attack in Oslo. 
Please find original tribute in English , Norway Attacks:The Victims/BBC  
 
Bombenanschlag in Oslo


Hanna Endresen, 61, Oslo
Empfangsmitarbeiterin in der Sicherheitsabteilung der staatlichen Verwaltungsdienste. Sie wurde als „gute Kollegin“ beschrieben.

Tove Ashill Knutsen, 56, Oslo
Sekretärin bei der Gewerkschaft der Elektriker und IT-Beschäftigten. Sie war auf dem Weg zur U-Bahn-Station, als die Bombe explodierte.

Kai Hauge, 32, Oslo
Besitzer einer Bar und eines Restaurants in Oslo. Ein Kollege bezeichnete seinen Tod als „großen Verlust“.

Jon Vegard Lervag, 32, Oslo
Jurist, der im Justizministerium arbeitete. Er wurde als „gesellschaftlich engagiert“ beschrieben.

Ida Marie Hill, 34, Oslo
Ursprünglich aus Grue (Provinz Hedmark) stammend, arbeitete Ida als Referentin im Justizministerium. Sie wurde als „liebe und hochgeschätzte Mitarbeiterin“ beschrieben.

Hanne Ekroll Loevlie, 30, Oslo
Höhere Beamtin, ursprünglich aus Tyristrand (Provinz Buskerud). Kollegen sagten, sie habe „das Beste in uns verkörpert“.

Anne Lise Holter, 51, Våler i Østfold, Provinz Østfold
Höhere Beraterin im Büro des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg. Vertreter der Behörden übermittelten ihrer Familie und ihren Freunden ihr „tiefstes Mitgefühl“.

Kjersti Berg Sand, 26, Nord-Odal
Arbeitete im Justizministerium im Bereich internationale Angelegenheiten. Kollegen erklärten, sie hätten eine „liebe und hochgeschätzte Mitarbeiterin“ verloren.

 

 

Victims of the Utøya Shootings. 
Please find original tribute in English , Norway Attacks:The Victims/BBC  

 Schießerei auf der Insel Utøya


Mona Abdinur, 18, Oslo
Die engagierte junge Politikerin wurde als „beliebte Freundin beschrieben, die gesellschaftlich engagiert und an multikulturellen Themen interessiert war“.

Maria Maagerø Johannesen, 17, Nøtterøy, Provinz Vestfold
Schülerin der Greve-Forest-High-School; sie interessierte sich für Musik, Tanz und Theater. Sie wurde als wunderbares, gewissenhaftes Mädchen beschrieben, das ein „Sonnenschein“ war.

Ismail Haji Ahmed, 19, Hamar, Provinz Hedmark
Bekannter unter dem Namen „Isma Brown“ nach seinem Auftritt in einer Talentshow. Der Tanzlehrer wurde als „sehr lebhafter, fröhlicher und fürsorglicher Junge“ beschrieben. „Er war ein sehr positiver Mensch mit einem großen Herzen.“

Ronja Søttar Johansen, 17, Vefsn, Provinz Nordland
Ronja war eine aktive Bloggerin und interessierte sich sehr für Musik. Freunde beschrieben sie als „einen Menschen mit Mut, Engagement und Herzlichkeit“.

Thomas Margido Antonsen, 16, Oslo
Vertreter der Schülervertretung. Freunde beschrieben ihn als „einen Jungen, der Freude verbreitete“.

Sondre Kjøren, 17, Orkdal, Provinz Sør-Trøndelag
Er wurde als sanfter, aber engagierter Mensch beschrieben. Er soll sich stark für den Bau einer neuen Sporthalle in seinem Heimatort eingesetzt haben.

Porntip Ardam, 21, Oslo
Bekannt als Pamela. Sie wurde als talentiert, hochintelligent, politisch aktiv und bodenständig beschrieben.

Margrethe Bøyum Kløven, 16, Bærum, Provinz Akershus
Die Vorsitzende der Schülervertretung wurde als „aktives und vielseitiges Mädchen“ beschrieben.

Modupe Ellen Awoyemi, 15, Drammen, Provinz Buskerud
Tochter der Kommunalpolitikerin Lola Awoyemi. Sie wurde als freundliches und offenes Mädchen beschrieben, das sich aktiv an den Diskussionen der AUF beteiligte.

Syvert Knudsen, 17, Lyngdal, Provinz Vest-Agder
Der politisch engagierte Schüler wurde vermutlich als einer der Ersten auf der Insel angeschossen. Seine Familie beschrieb ihn als „lebhaften“ Jungen mit großem Interesse an Musik. 

Lene Maria Bergum, 19, Namsos, Provinz Nord-Trøndelag
Ihr Schulleiter beschrieb sie als eine hervorragende, wunderbare junge Frau, die kontaktfreudig war und sich für internationale Themen interessierte. Sie hatte geplant, einen Ferienjob als Journalistin anzutreten.

Anders Kristiansen, 18, Bardu, Provinz Troms
Ein engagierter Nachwuchspolitiker und Vorsitzender der AUF in seiner Region. Er galt als „initiativefreudig“ und hatte „große Lust, politisch tätig zu sein“.

Kevin Daae Berland, 15, Askøy, Provinz Hordaland
Er engagierte sich in der AUF von Askøy und war sowohl in der Kommunalpolitik aktiv als auch Mitglied des Jugendrats.

Elisabeth Trønnes Lie, 16, Halden, Provinz Østfold
Vorstandsmitglied der AUF in Halden. Sie wurde als „der liebste Mensch der Welt“ beschrieben.

Trond Berntsen, 51, Øvre Eiker, Provinz Buskerud
Halbbruder der norwegischen Kronprinzessin. Nach Angaben des Königshauses wurde der Polizist, der sich außer Dienst befand, während seines Einsatzes als Sicherheitskraft auf der Insel getötet.

Gunnar Linaker, 23, Bardu, Provinz Troms
Regionalsekretär der Jugendorganisation der Arbeiterpartei. Sein Vater beschrieb ihn als „ruhigen, großen Teddybären mit viel Humor und viel Liebe“.

Sverre Flate Bjørkavåg, 28, Sula, Provinz Sør-Trøndelag
Gewerkschafter, dem Gerechtigkeit, Gleichheit und Gemeinschaftssinn am Herzen lagen. Er wurde als beliebter junger Mann beschrieben, der für die Rechte von Schülern und Studenten eintrat. Er absolvierte eine Ausbildung zum Krankenpfleger.

Tamta Lipartelliani, 23, Georgien
Sekretärin des internationalen Ausschusses der Jungsozialisten Georgiens.

Torjus Jakobsen Blattmann, 17, Kristiansand, Provinz Vest-Agder
Sohn eines ehemaligen politischen Beraters. Sein Vater beschrieb ihn als einen Jungen „voller Humor“, der leidenschaftlich gern Gitarre spielte.

Eva Kathinka Lütken, 17, Sarpsborg, Provinz Østfold
Sie wurde als engagierte Politikerin beschrieben, die sehr beliebt war.

Monica Bøsei, 45, Hole, Provinz Buskerud
Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte: „Für viele von uns war sie die Verkörperung von Utøya. Und nun ist sie tot. Erschossen, während sie sich um junge Menschen kümmerte und ihnen Freude bereitete.“

Even Flugstad Malmedal, 18, Gjøvik, Provinz Oppland
Der politisch interessierte Schüler wurde als „sanfter Junge, der für seine Freunde einstand“, beschrieben.

Carina Borgund, 18, Oslo
Freunde und Familie beschrieben sie als „freundlich, fürsorglich, sanftmütig und positiv. Sie liebte das Leben und verbreitete Freude bei allen um sie herum.“

Tarald Kuven Mjelde, 18, Osterøy
Er galt als großer Fan des Fußballvereins Chelsea und wurde als „sehr herzlich, freundlich und sozial engagiert“ beschrieben. 

Johannes Buoe, 14, Mandal, Provinz Vest-Agder
„Ein eigenständiger Junge mit viel Sinn für Humor“, sagten seine Eltern gegenüber NRK. Er interessierte sich für Hunde, die Jagd sowie das Fahren mit dem Schneemobil und engagierte sich aktiv in der Jugendarbeit.

Ruth Benedicte Vatndal Nilsen, 15, Tønsberg, Provinz Vestfold
Wurde von Freunden als „stets fröhlich, positiv und vorurteilsfrei“ beschrieben.

Asta Sofie Helland Dahl, 16, Sortland, Provinz Nordland
Lehrer beschrieben sie als wunderbares Mädchen, das „offen und fröhlich“ war.

Hakon Oedegaard, 17, Trondheim, Provinz Sør-Trøndelag
Musikschüler an der Heimdal-Schule und Mitglied der Schul-Marching-Band von Byåsen. Er galt als Vorbild für die anderen Mitglieder der Band.

Sondre Furseth Dale, 17, Haugesund, Provinz Rogaland
Verfügte über einen großen Freundeskreis aus der Musikszene und der Politik. Er wurde als engagierter Mensch beschrieben, der sich zu 100 Prozent für die Dinge einsetzte, die ihn interessierten.

Emil Okkenhaug, 15, Levanger, Provinz Nord-Trøndelag
Ein Sportbegeisterter, der als bescheiden galt und bei allen, die ihn kannten, beliebt war.

Monica Iselin Didriksen, 18, Sund, Provinz Hordaland
Sie war bei der AUF in Sund aktiv; Freunde beschrieben sie als einzigartiges und lebensfrohes Mädchen.

Diderik Aamodt Olsen, 19, Nesodden, Provinz Akershus
Stellvertretender Vorsitzender der AUF in Nesodden. Er war das jüngste Mitglied der Redaktion, die das Magazin der Organisation herausgab.

Gizem Dogan, 17, Trondheim, Provinz Sør-Trøndelag
Sie galt als kluge Schülerin, die zum Zusammenhalt ihrer Klasse beitrug. Einen Monat vor der Tragödie wurde sie in den Vorstand der örtlichen AUF gewählt.

Henrik Pedersen, 27, Porsanger, Provinz Finnmark
Vorsitzender der AUF in Porsanger. Er wurde in seiner Gemeinde als „frischer Wind“ wahrgenommen. Ein Parteikollege beschrieb ihn als sehr engagiert und mitreißend.

Andreas Edvardsen, 18, Sarpsborg, Provinz Østfold
Vorsitzender der AUF in Sarpsborg und aktiv im Regionalvorstand der AUF in Østfold. Er wurde als „sehr fürsorglicher und selbstbewusster Mensch“ beschrieben.

Rolf Christopher Johansen Perreau, 25, Trondheim, Provinz Sør-Trøndelag
Bekannt als Christopher. Langjähriges AUF-Mitglied; im Oktober wurde er in den Vorstand gewählt. Er galt als begabter Redner und charismatischer Nachwuchspolitiker.

Tore Eikeland, 21, Osterøy, Provinz Hordaland
Ministerpräsident Jens Stoltenberg bezeichnete ihn als „einen unserer talentiertesten Nachwuchspolitiker“.

Karar Mustafa Qasim, 19, Vestby, Provinz Akershus
Karar stammte ursprünglich aus dem Irak und befand sich mit Freunden im Sommerlager, als er ums Leben kam. Der Bürgermeister seines Wohnorts bezeichnete seinen Tod als „enorme Tragödie“.

Bendik Rosnæs Ellingsen, 18, Rygge, Provinz Østfold
Vor seiner Teilnahme am Sommerlager hatte er einen Ferienjob im Justizministerium. Er war Schriftführer der AUF-Regionalgruppe Moss; dort hieß es, man habe einen fürsorglichen, offenen und integrativen jungen Mann verloren.

Bano Abobakar Rashid, 18, Nesodden, Provinz Akershus
Vorsitzende der AUF in Nesodden. Sie soll ihr Leben dem Kampf für Demokratie und gegen Rassismus gewidmet haben.

Aleksander Aas Eriksen, 16, Meråker, Provinz Nord-Trøndelag
Wurde als sozial engagiert sowie als „impulsiv und leidenschaftlich“ beschrieben.

Henrik Rasmussen, 18, Hadsel, Provinz Nordland
Schatzmeister der AUF in Hadsel. Galt als sehr engagierte Persönlichkeit, sowohl im politischen als auch im kulturellen Bereich.

Andrine Bakkene Espeland, 16, Fredrikstad, Provinz Østfold
Wurde als politisch engagiertes Mädchen beschrieben, dem das Wohl der Schwächsten am Herzen lag.

Synne Røyneland, 18, Oslo
Eine Schülerin, die von Freunden als „lustiges Mädchen“ beschrieben wurde, „das immer etwas beizusteuern hatte: Meinungen zu Politik und Liebe, Spaß sowie geistreiche Kommentare“.

Hanne Balch Fjalestad, 43, Lunner, Provinz Oppland
Die dänische Regierung bestätigte, dass die dänische Staatsbürgerin bei ihrer Arbeit als Ersthelferin auf der Insel ums Leben kam. Sie war dort gemeinsam mit ihrer 20-jährigen Tochter, die die Schießerei überlebte.

Ida Beathe Rogne, 17, Østre Toten, Provinz Oppland
Eine engagierte Schülerin, die als fröhlich, humorvoll und zielstrebig beschrieben wurde.

Silje Merete Fjellbu, 17, Tinn, Provinz Telemark
Eine politisch aktive Jugendliche, die als „wunderbares Mädchen, das viel einzubringen hatte“, beschrieben wurde.

Simon Sæbø, 18, Salangen, Provinz Troms
Der politisch aktive Jugendliche galt als geborene Führungspersönlichkeit. Weggefährten beschrieben ihn als vertrauensvoll, freundlich und als einen Menschen, dem das Wohlergehen anderer sehr am Herzen lag.

Hanne Kristine Fridtun, 19, Stryn, Provinz Sogn og Fjordane
Die Pflegeschülerin war Vorsitzende des örtlichen AUF-Kreisverbands. Sie wurde als tatkräftig und sehr engagiert beschrieben.

Marianne Sandvik, 16, Hundvåg, Stavanger
Die Schülerin wurde als ruhiges Mädchen beschrieben, das stets für diejenigen eintrat, die sie brauchten. Ihr Vater berichtete, dass sie sich intensiv mit Ungerechtigkeit in der Welt auseinandersetzte.

Andreas Dalby Grønnesby, 17, Stange, Provinz Hedmark
Sein Vater hatte vor den Schüssen noch Textnachrichten mit ihm ausgetauscht. Er erklärte gegenüber dem Sender NRK, dass die öffentliche Anteilnahme in dieser schmerzlichen und schrecklichen Zeit eine große Hilfe gewesen sei.

Fredrik Lund Schjetne, 18, Eidsvoll, Provinz Akershus
Von Freunden als „großartiger Mensch“ beschrieben, den zu kennen „eine Ehre“ gewesen sei.

Snorre Haller, 30, Trondheim, Provinz Sør-Trøndelag
Maler und Gewerkschafter. Er war Vorstandsmitglied im zentralen Jugendausschuss des Gewerkschaftsverbands Fellesforbundet. Er wurde als „freundlicher, ruhiger und großzügiger Mann“ beschrieben.

Lejla Selaci, 17, Fredrikstad, Provinz Østfold
Vorsitzende der AUF in Fredrikstad. Sie wurde als „sehr fröhliches und kontaktfreudiges Mädchen beschrieben, das sich für ihre Überzeugungen einsetzte“.

Rune Havdal, 43, Øvre Eiker, Provinz Buskerud
Arbeitete als Sicherheitskraft auf der Insel Utøya.

Birgitte Smetbak, 15, Nøtterøy, Provinz Vestfold
Politiker aus ihrer Heimatregion bezeichneten den Tag, an dem sie von ihrem Tod erfuhren, als einen „schweren Tag“. 

Guro Vartdal Havoll, 18, Ørsta, Provinz Møre og Romsdal
Eine engagierte und entschlossene Politikerin; laut ihrer Familie ließ sich die junge Schülerin von Gandhi inspirieren und wollte die Welt zu einem „besseren Ort“ machen.

Isabel Victoria Green Sogn, 17, Oslo
Ein begeistertes Mitglied der AUF, das seine Zukunft in der Politik sah.

Ingrid Berg Heggelund, 18, Ås, Provinz Akershus
Eine Schülerin, die nach eigenen Angaben sehr gerne zur Schule ging.

Silje Stamneshagen, 18, Askøy, Provinz Hordaland
Sie engagierte sich in der AUF von Askøy und spielte in der Schulband. Mitschüler beschrieben sie als fröhliches Mädchen, das den Schulalltag – und jeden anderen Tag – aufhellte.

Karin Elena Holst, 15, Rana, Provinz Nordland
Als Mitglied der AUF in Rana sprach sie während der Schießerei mit ihrer Mutter. Diese hatte ihre Tochter gedrängt, aufzulegen und sich zu verstecken.

Victoria Stenberg, 17, Nes, Provinz Akershus
Sie war die Älteste von drei Geschwistern und hatte sich Berichten zufolge auf das Jugendcamp gefreut.

Eivind Hovden, 15, Tokke, Provinz Telemark
Eivind engagierte sich in seinem örtlichen Jugendzentrum und nahm an seinem ersten Sommercamp teil. Er wurde als „großartiger Typ, immer fröhlich, fürsorglich und hilfsbereit“ beschrieben.

Tina Sukuvara, 18, Vadsø, Provinz Finnmark
Sie wurde als „sehr talentiert und engagiert“ beschrieben – als eine Person, die sich aktiv an politischen Debatten beteiligte.

Jamil Rafal Mohamad Jamil, 20, Eigersund, Provinz Rogaland
Der ursprünglich aus dem Irak stammende Jamil wurde als fröhlich, aufmerksam und neugierig beschrieben; er hatte den starken Wunsch, sich einzubringen.

Sharidyn Svebakk-Boehn, 14, Drammen, Provinz Buskerud
Bei Freunden und Familie als „Sissi“ bekannt, wurde die Schülerin als „wunderschönes, fürsorgliches und lebensfrohes Mädchen“ beschrieben.

Steinar Jessen, 16, Alta, Provinz Finnmark
Ein engagiertes Mitglied der AUF. Der Bürgermeister von Alta beschrieb ihn als „eine Blume, die groß und stark geworden wäre“.

Håvard Vederhus, 21, Oslo
Im Februar zum Vorsitzenden der AUF in Oslo gewählt. Freunde beschrieben ihn als „ambitioniert und furchtlos“.

Espen Jørgensen, 17, Bodø, Provinz Nordland
Er war vor Kurzem Vorsitzender der AUF in Bodø geworden. Sein bester Freund sagte, er sei jemand gewesen, der „selbst die dunkelsten Tage erhellen“ konnte.

Quelle: Polizei Oslo, norwegische Regierung, NRK

Source/ Norway Attacks:The Victims/BBC 


 

Photo: © picture alliance / Xinhua News Agency | Zhang Yuliang/ source 

In Norwegens Hauptstadt Oslo ist vor 3 Tagen ein Denkmal für die Opfer der Anschläge vom 22. Juli 2011 eingeweiht worden. Es steht im vor 15 Jahren durch eine Bombe schwer beschädigten und wieder aufgebauten Regierungsviertel. Es handelt sich um ein zwölf Meter hohes Mosaik, das von einer blauen Stahlkonstruktion aufrecht gehalten wird. Das riesige Bild besteht aus rund 300.000 einzelnen Natursteinen. Es zeigt eine Szene von der Insel Utøya, dem zweiten Tatort des Attentats. Zu sehen ist ein Vogel. Der Künstler Matias Faldbakken beschreibt das Lebewesen als einen stummen Zeugen der grausamen Ereignisse. Auf der Rückseite der massiven Stahlkonstruktion sind die Namen aller 77 Toten als Relief eingeprägt. Neben jedem Namen befindet sich eine kleine Aussparung, in die Angehörige Blumen stecken können. Der Täter Anders Breivik wurde 2012 zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. (source)

A memorial to the victims of the attacks of July 22, 2011, has been unveiled on last Sunday in Oslo, Norway’s capital. It stands in the government district, which was heavily damaged by a bomb 15 years ago and subsequently rebuilt. The memorial consists of a twelve-meter-high mosaic held upright by a blue steel structure. The massive image is composed of around 300,000 individual natural stones. It depicts a scene from the island of Utøya, the second site of the attack, featuring a bird. Artist Matias Faldbakken describes the creature as a silent witness to the horrific events. The names of all 77 victims are embossed in relief on the back of the massive steel structure; next to each name is a small recess where relatives can place flowers. The perpetrator, Anders Breivik, was sentenced in 2012 to 21 years in prison, followed by preventive detention.

 

The sculpture consists of a building structure and a large mosaic image that ties together the two venues for the terror attack: Utøya and the Government Quarter

UPHOLDING - Matias Faldbakken

Der das Mosaik umschließende Rahmen ist eine Wiederverwendung jenes stählernen Transportgestells, das zum Schutz und für den Transport von Pablo Picassos Werk *Die Fischer* (The Fishermen) angefertigt worden war; das Kunstwerk sollte nach dem Abriss des Y-Blocks in den neuen A-Block verlegt werden. Somit schlägt der Rahmen eine Brücke zwischen dem alten und dem neuen Regierungsviertel – und zwischen dem Norwegen vor und nach dem Terroranschlag.

Die Namen und das Alter der 77 bei den Terroranschlägen getöteten Menschen sind in den unteren Balken des Rahmens eingraviert; während der Eröffnungsfeier wurde neben jedem Namen eine rote Rose niedergelegt.

The frame surrounding the mosaic reuses the steel transport frame built to protect and move Pablo Picasso’s work *The Fishermen* after the Y-block was demolished and the artwork was slated for a new home in the new A-block. It thus has one foot in the old government quarter and one in the new—and in the Norway that existed before and after the terrorist attack.

The names and ages of the 77 people killed in the terrorist attacks are engraved on the frame’s bottom beam, and during the opening ceremony, a red rose was placed beside each name.

Photo/ source

 

Weitere Gedenkstätten

In den Jahren nach jenem schrecklichen Tag wurden in Norwegen verschiedene Gedenkstätten und Orte der Besinnung und des Nachdenkens über die Ereignisse geschaffen. Viele der betroffenen Gemeinden, die Mitglieder verloren haben, errichteten eigene Gedenkstätten. Zwei der bekanntesten möchte ich gerne vorstellen.

In the years following that terrible day, several memorials and sites for contemplation and reflection on the events have been established in Norway. Many of the local communities that lost members have erected their own memorials. Here the more known ones.

 

 Gedenkstätte an der Fähranlegestelle nach Utøya-National Memorial at Utøyakaiaat the ferry landing for Utøya

Der Standort des Denkmals – das Ufer des Tyrifjords, direkt gegenüber der Insel – war lange Zeit umstritten. Ein schwedischer Künstler, der vor allem für seine Videoinstallationen bekannt ist, hatte vorgeschlagen, einen Einschnitt in einen Felsvorsprung auf dem Festland gegenüber der Insel Utøya zu schlagen. Sein Entwurf stieß auf Unmut und wurde nach Protesten schließlich verworfen. Als die Regierung im Sommer 2017 beschloss, das Denkmal in anderer Form, aber am selben Ort zu errichten, löste dies bei den Anwohnern erneut gemischte Reaktionen aus. Es wurden Bedenken hinsichtlich eines „Trauertourismus“ und einer möglichen Retraumatisierung jener Bewohner geäußert, die sich 2011 an den Rettungsmaßnahmen beteiligt hatten; vor allem bestand die Befürchtung, ein solches Denkmal könne von Rechtsextremisten instrumentalisiert werden. Mehrere Anwohner reichten Klage ein. Anfang 2021 gab ein Gericht schließlich grünes Licht für den Bau der Gedenkstätte des Osloer Architekturbüros Manthey Kula von Beate Marie Hølmebakk und Per Tamsen. (source & more)

The location of the memorial, the shores of the Tyrifjord, directly opposite the island, was long a subject of controversy. A Swedish artist best known for his video installations, had proposed cutting a channel into a rocky outcrop on the mainland opposite the island of Utøya. His design sparked resentment and was ultimately abandoned following protests. When the government decided in the summer of 2017 to build the memorial in a different form but at the same site, this once again elicited mixed reactions among local residents. Concerns arose regarding "grief tourism" and the potential re-traumatization of residents who had participated in the 2011 rescue efforts; above all, there was a fear that such a memorial could be exploited by right-wing extremists. A number of neighbors filed a lawsuit. In early 2021, a court finally gave the green light for the construction of the memorial designed by the Oslo-based architectural firm Manthey Kula—Beate Marie Hølmebakk and Per Tamsen. 

Die Gedenkstätte an der Fähranlegestelle nach Utøya wurde letztlich am 18. Juni 2022 eröffnet -            The National Memorial at Utøyakaia at the ferry landing for Utøya was finally opened on June 18, 2022

 Die Zeit des Terrors sichtbar machen

"Am Ufer des Tyrifjorden entstand auf einer weiträumigen Terrasse aus hellem, norwegischem Granit, von der etwa 20 Zentimeter hohe Stufen ins Wasser führen, eine Gedenkstätte aus 77 Stelen aus Bronze. Jede dieser in sich unterschiedlich gedrehten Stelen ist drei Meter hoch. Angeordnet sind sie in einer zweigeteilten, konkav-konvex geschwungenen Form, die einem verzerrten S oder dem Fragment einer Welle ähnelt. Diese etwa 50 Meter lange Stelen-Reihe ist am oberen Ende mit einem durchgehenden, ebenfalls aus Bronze gegossenen, Band verbunden."(source & more)

On the shores of Tyrifjorden, a memorial comprising 77 bronze stelae was created on a spacious terrace of light-colored Norwegian granite, from which steps approximately 20 centimeters high lead down to the water. Each of these stelae—individually twisted in unique ways—stands three meters tall. They are arranged in a two-part, concavely and convexly curved formation resembling a distorted "S" or the fragment of a wave. At their upper ends, this row of stelae—spanning approximately 50 meters—is linked by a continuous band, also cast in bronze.

 

 © Kunstgießerei Strassacker

"Der Schattenwurf der exakt berechneten Anordnung und Ausrichtung jeder einzelnen Stele bezieht sich auf den Stand der Sonne und deren zeitlichen Verlauf während des Anschlags am 22. Juli 2011. Ein erster, kleinerer – konvexer Bogen – ist auf den Sonnenstand zu Beginn des Attentats mit der Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel um 15.25 Uhr ausgerichtet. Der zweite, größere – konkave Bogen – spiegelt den Verlauf des Sonnenstandes während des Attentates auf der Insel Utøya – von der Ankunft des Attentäters um 17.21 Uhr bis zu seiner Festnahme um 18.33 Uhr – wider. Jede der Stelen steht für einen getöteten Menschen; 8 in Oslo, 69 auf der Insel Utøya. Die Inschriften der Namen der Opfer wurden als Reliefs im Negativschnitt mit unterschiedlichen Neigungsflächen in die Bronzestelen eingearbeitet."(source & more)

The shadows cast by the precisely calculated arrangement and orientation of each individual stele correspond to the position of the sun and its movement over time during the attacks on July 22, 2011. A first, smaller—convex—arc is aligned with the sun's position at the start of the attack, marked by the bomb explosion in Oslo’s government district at 3:25 p.m. The second, larger—concave—arc reflects the sun's path during the attack on the island of Utøya, spanning the time from the perpetrator's arrival at 5:21 p.m. to his arrest at 6:33 p.m. Each stele represents a life lost: eight in Oslo and 69 on the island of Utøya. The victims' names are inscribed into the bronze stelae as negative-relief carvings featuring varying surface angles.



 
"Ein Ort der Trauer und des Trostes und – ganz bewusst – auch der Hoffnung, Freude und des unbeschwerten Lebens."
 
 "A place of mourning and solace and—quite deliberately—also of hope, joy, and a carefree life."

 

 

Utøya - Commemoration Site

Entworfen vom Architekturbüro 3RW und von den Familien der Opfer sowie der Regierung in Auftrag gegeben, entstand das erste bekannte Mahnmal im Zentrum der Insel Utøya selbst. "Lysningen“ (Die Lichtung).  Die Einweihung fand am vierten Jahrestag des Attentats im Jahr 2015 statt.


Designed by the architectural firm 3RW, and commissioned by the victims' families and the government, the first known memorial was created in the center of the island of Utøya itself: "Lysningen" (The Clearing). Its inauguration took place on the fourth anniversary of the attack in 2015.


Die Lichtung

Auf der Nordseite von Utøya befindet sich eine Lichtung im Wald. Hier zeigt sich Utøya von seiner schönsten Seite. Auf dem Weg dorthin knirschen Tannenzapfen unter den Füßen, während der Pfad durch wild wachsende Vergissmeinnicht zur Gedenkstätte „Die Lichtung“ (Lysningen) führt.

Die Gedenkstätte auf Utøya gehört den Hinterbliebenen – Familien und Freunden. Sie wurde für und von all jenen geschaffen, die auf Utøya einen geliebten Menschen verloren haben. Dank gemeinsamer Anstrengungen ist „Die Lichtung“ zu einem würdevollen und friedlichen Ort des Gedenkens geworden.

Die Namen und das Alter der Menschen, die am 22. Juli 2011 auf Utøya ihr Leben verloren, sind in einen Metallring eingestanzt, der zwischen den umstehenden Bäumen aufgehängt ist. Kein Name steht an erster oder letzter Stelle. Im Laufe des Tages fällt das Sonnenlicht zu unterschiedlichen Zeiten auf die verschiedenen Namen. Zudem wurde ein Lebensraum für den Schmetterling „Trauermantel“ geschaffen, der häufig in der Umgebung der Gedenkstätte zu beobachten ist.
 

The Clearing

There is a clearing in the woods on the northside of Utøya. Here you will find Utøya at its most beautiful. Walking here, cones crunch beneath your feet as the path takes you through wild forget-me-nots to the memorial site called the Clearing (Lysningen).

The memorial at Utøya belongs to the bereaved families and friends. It is created for and by those who lost someone at Utøya. Through joint efforts, the Clearing is a dignified and peaceful place to commemorate.  

The names and age of those who lost their lives at Utøya on 22 July 2011 are punched out in a metallic ring suspended from the surrounding trees. No name is mentioned first, no name mentioned last. As the day passes, sunlight shines through all the names at different times of the day. We have also established a habitat for the butterfly “Mourning Cloak”, which is often seen around the memorial.

 

 Trauermantel (Nymphalis antiopa) - “Mourning Cloak” (Wikipedia)

 


 Geburtstage und Zeremonien

Es ist wichtig, der Opfer des Terroranschlags vom 22. Juli jeden Tag zu gedenken. Dennoch gibt es 69 Tage, die eine besondere Bedeutung haben: ihre Geburtstage. Jeder Geburtstag wird gewürdigt, indem eine Blume in den Namenszug auf dem Gedenkring gelegt wird. Am Geburtstag jedes Opfers vom 22. Juli 2011 wird eine Rose an dessen Namen auf dem Gedenkplatz niedergelegt. Wenn Schulklassen oder andere Gäste auf Utøya anwesend sind, werden sie oft eingeladen, an der Zeremonie teilzunehmen. Zwischen Frühling und Herbst pflücken wir auf der Insel Wildblumen, die wir – zusätzlich zur Rose – in die Namenszüge legen. 

Birthdays and Ceremonies

It is important to commemorate the victims of the terror on 22 July every day. Still, there are 69 days that are particularly important – their birthdays. Every birthday is marked by placing a flower in the name on the memorial ring. On the birthday of each victim of 22 July 2011, a rose is placed by their name at the memorial. If there are school classes or other guests at Utøya, they are often invited to take part in the ceremony. Between spring and autumn we pick bouquets of wild-growing flowers on the island, to place in the names – in addition to the rose.  


Lysningen. Image via 3rw.no/source

Anmerkung - Note

Es sind keine direkten Anschläge auf die Mahnmale der Breivik-Opfer in Norwegen bekannt. Allerdings kam es im Juli 2021 zu einem Vorfall, bei dem das Denkmal eines anderen rassistischen Mordopfers in Oslo (der junge Benjamin Hermansen) von Unbekannten mit der Parole „Breivik was right“ beschmiert wurde. Die zentralen Gedenkstätten für die Opfer der Anschläge von 2011 selbst  sind bislang von solchen Zerstörungen verschont geblieben. 

Man kann nur hoffen, dass es so bleibt, denn es braucht diese Orte des Innehaltens, des Trauerns, der Zwiesprache, des Nicht-Vergessens, aber auch der Hoffnung, der Freude und des unbeschwerten Lebens.

There have been no known direct attacks on the memorials dedicated to the victims of Breivik in Norway. However, an incident occurred in July 2021 in which the memorial to another victim of a racist murder in Oslo—the young Benjamin Hermansen—was defaced by unknown individuals with the slogan "Breivik was right." The central memorial sites for the victims of the 2011 attacks themselves have so far been spared such acts of vandalism.

One can only hope that it remains this way, for there is a need for these places—places for pausing, mourning, quiet communion, and remembrance, but also for hope, joy, and a carefree life.

"Da draußen gibt es Tausende wie ihn, die alles hassen, wofür ich stehe. Viel zu viele verstehen nicht, wie gefährlich das ist." (source)

"There are thousands out there like him who hate everything I stand for. Far too many don't understand how dangerous that is."

 

Und gerade auch deshalb, brauchen wir diese Form des Erinnerns und des Austauschs.

Niemals wieder! 

And precisly for that reason we need these forms of remembrance and exchange. 

Never again! 


Sources...und lesenswert:

 - „Norwegen hat sich verändert – aber nicht so, wie wir es erwartet hatten“/ rnd 20.07.2026

-  A National Memorial for 22 July in Oslo’s New Government Quarter/KORO

- Matias Faldbakken Selected to Make a National Memorial for 22 July in Oslo, Norway/ Paula Cooper Gallery

- Oslo: Denkmal für die Opfer der Anschläge vor 15 Jahren eingeweiht/Deutschlandfunkkulur 21.07.2026

-  Norway opens new memorial for victims of 2011 massacre/BBC 20.07.2026

- Das Grauen unter der Oberfläche/ Taz 20.07.2026

-  77 Bronzestelen aus Deutschland für Gedenkstätte in Norwegen/Willy Hafner, Sculpture Network 10.09.2022 

(You want to know more about the columns of the memorial, please read!) 

 -  Norway attacks: The victims/BBC 15.03.2016

- The Clearing.TheStory of a butterfly and the creation of a memorial/3RW 29.07.2015 

(you have to scroll down to the date of the article, it is worthwhile)

-  Utøya - Commemoration Site

-  "The Clearing, memorial to Norway's July 22 attacks, opens on the tragedy's fourth anniversary/Archinect 22.07.2015

-  Anschläge in Norwegen 2011/wikipedia

 

Related:

-  Rainbow Children....Ein Gruß nach Norwegen/29.04.2012

-  Schock und Trauer nach Terror in Norwegen..../23.07.2011

  

Freitag, 17. Juli 2026

Segler in Rodrigues....Meet S/Y Lupina and the Brigantine Neptun


 S/Y Lupina
 
Eine 2006 gebaute Segelyacht, die unter Schweizer Flagge mit Pia Koch und Köbi Brem segelt. Sie haben ihre Reise vor acht Jahren begonnen. Wer mehr über ihr Boot und ihre Weltumsegelung erfahren möchte, findet auf ihrem Blog zahlreiche Geschichten mit großartigen Fotos. 
 
A sailing yacht built in 2006, sailing under Swiss flag with Pia Koch and  Köbi Brem. They started their voyage 8 years ago. I f you are interested to lear more about their boat and their circumnavigation, you can find lots of stories with great photos on their blog.

 

S/Y Zoe Zoe/Netherlands
S/Y Paje/France
S/Y Lupina 
 
Die S/Y ZOE ZOE fährt unter niederländischer Flagge. Ihre Länge beträgt 17 Meter und ihre Breite 8 Meter.

Leider konnte ich nichts zur S/Y Paje finden. 
 
S/Y ZOE ZOE is sailing under the flag of NETHERLANDS. Her length overall is 17 meters and her width is 8 meters. 
 
Unfortunately I couldn't find anything on S/Y Paje.
 
  
S/Y Neptun/ Denmark, Photo: Köbi Brem
 
Die S/Y Neptun segelt unter dänischer Flagge und ist als gemeinnützige Organisation registriert. Ihr Ziel ist es, Ausbildungsmöglichkeiten für alle anzubieten, die traditionelle Segelfertigkeiten und Seemannschaft erlernen und dabei die Weltmeere bereisen sowie abgelegene Orte erkunden möchten.

Als ich am Steg eintraf, um Fotos der Yacht zu machen, war sie bereits ausgelaufen und auf dem Weg nach Mauritius – offensichtlich mit einer neuen Chartergruppe an Bord. Im „Kafe Rose“ traf ich zufällig Pia und Köbi von der S/Y Lupina; sie hatten ein Foto der Neptun gemacht und mir dieses anschließend zugeschickt.
 
 S/Y Neptun is sailing under Danish flag and is a registered non-profit organization with the purpose of providing training opportunities for anyone interested in learning traditional sailing skills and seamanship while cruising the world oceans and exploring remote places. 
 
While I was at the jetty to take photos of the yacht, it had already diappeared, and was on its way to Mauritius, obviously with a new charter group on board. By coincidence I met Pia and  Köbi from S'Y Lupina while at Kafe Rose, they had taken a photo of Neptun which they sent me.
 
Cocos Keeling 
 
Dieser wunderschöne Rotfußtölpel war einen Tag lang der Begleiter der S/Y Lupina, während sie bei Cocos Keeling lag. Ich liebe Tölpel, selbst wenn ihre Fußfarbe nicht blau ist.

This beautiful red-footed booby was S/Y Lupina's companion for one day while in Cocos Keeling.I love boobies, even if their feet aren't blue.

 

Hier Pia mit der Flagge von Cocos Keeling.

Here is Pia with the Cocos Keeling Islands flag.

S/Y Lupina's Routenkarte..., da noch in Cocos Keeling bevor sie sich auf den Weg nach Rodrigues machten.

S/Y Lupina's route map..., still at Cocos Keeling before they set off for Rodrigues.

 

Müll gibt es in jedem Paradies.

There is trash in every paradise. 

Hier S/Y Lupina nicht im Gegenlicht. Nicht in Rodrigues.

Here S/Y Lupina not backlit. A photo I borrowed from their blog.

Eine Toilette mit Rampe auf einer einsamen Insel. Das gibt zu denken...und ja, das ist auch nicht in Rodrigues sondern auf Christmas Island:)

A toilet with a ramp on a deserted island. That gives one food for thought... and yes, this isn't in Rodrigues either but on Christmas Island :)

 Köbi & Pia

  More on S/Y Lupina here 

Und weil es so interessant ist hier noch ein Nachschlag zur Brigantine Neptun....

And because it is so interesting, here is a little more on the brigantine Neptun... 

  

S/Y Neptun hier mit vollen Segeln... - S/Y Neptun here under full sail...

Die Saison 2026 bildet den Auftakt einer 482-tägigen Weltumsegelung. Die Brigg NEPTUN verlässt am 1. Mai 2026 Bali und erreicht bis Weihnachten Kapstadt – eine Reise, die zwei lange Ozeanpassagen, 6.428 Seemeilen Segeln in den Passatwinden, Inselanläufe und die legendäre Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung umfasst.

Die erste Etappe führt über den Indischen Ozean von Bali nach Mauritius – mit Zwischenstopps auf Komodo, den Kokosinseln (Keeling) und Rodrigues – und bietet drei Monate Segeln auf offener See im Passatwind. Den Höhepunkt bildet die vierte Etappe: eine lange Hochseepassage von Mauritius bis zur Südspitze Afrikas und die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung – eine der geschichtsträchtigsten Segelstrecken der Welt. 

The 2026 season is the opening chapter of a 482-day world voyage. Brigantine NEPTUN leaves Bali on 1 May 2026 and arrives in Cape Town by Christmas, two long ocean legs, 6,428 nautical miles of trade-wind sailing, island landfalls, and the great rounding of the Cape of Good Hope.

Leg 1 crosses the Indian Ocean from Bali to Mauritius via Komodo, Cocos (Keeling) and Rodrigues, three months of trade-wind ocean sailing. Leg 4 is the culmination, a long offshore passage from Mauritius to the tip of Africa and the rounding of the Cape of Good Hope, one of the most storied pieces of sailing on earth. (Source)

  

Photo & Text source

Die gesamte Geschichte der NEPTUN ist nicht genau bekannt; angeblich wurde sie 1947 von der Werft D. W. Kremer Sohn in Elmshorn (Deutschland) im Auftrag von F. Laeisz (Hamburg) als Fischereifahrzeug gebaut.  Kremer war damals führend im Bau von Fischkuttern (wie dem berühmten Kremer 21-Meter-Typ), da diese kleinen Einheiten unter den Alliierten-Beschränkungen zur Hungerbekämpfung nach dem Krieg legal gebaut werden durften.Später wurde das Schiff von Polen übernommen und als Grenzpatrouillenboot eingesetzt. 1959 erhielt es neue Schiffspapiere und wurde erneut zu einem Fischereifahrzeug umgebaut. 1990 entdeckte ein Mann namens Henny das Schiff in IJmuiden (Niederlande), baute es um, stattete es mit Masten aus und pflegte es. Im Dezember 2022 verkaufte er das Schiff an die gemeinnützige Organisation Neptun, mit dem Ziel, ein Gemeinschaftsschiff mit einem Segelausbildungsprogramm für Weltreisen zu schaffen.

The full history of the Neptun is not precisely known; it was reportedly built in 1947 by the D. W. Kremer Sohn shipyard in Elmshorn, Germany, commissioned by F. Laeisz (Hamburg) as a fishing vessel. At the time, Kremer was a leader in the construction of fishing cutters—such as the famous Kremer 21-meter model—because these small vessels were permitted to be built legally under the Allied restrictions aimed at combating post-war hunger. Later, the ship was acquired by Poland and used as a border patrol boat. In 1959, it received new registration papers and was converted back into a fishing vessel. In 1990, a man named Henny discovered the ship in IJmuiden (Netherlands), where he refitted it, installed masts, and maintained it. In December 2022, he sold the ship to the non-profit organization Neptun with the aim of creating a community vessel featuring a sail training program for voyages around the world.

More on S/Y Neptun here 

 

 

In diesem Blog gibt es zahlreiche Beiträge über Segelyachten, die auf Rodrigues Station machen. Gehen Sie zum Suchfeld in der Mitte der rechten Blog-Spalte auf der Website und geben Sie Schlagwörter wie „sailing “ (Segeln) und „circumnavigation“ (Weltumsegelung) ein ... Sicherlich sind noch weitere Beiträge versteckt, aber für den Anfang sollte das genügen ... 

There are lots of stories on this blog about sailing yachts stopping in Rodrigues. Go to the Search bar in the middle of the right blog column of the web site and tap keywords like sailing & circumnavigation ...There are certainly some more hidden but for starters it might do....