Sonntag, 5. August 2012

Familienalbum...Teil 1


Nicht nur Barack Obama und Miss Molly haben im August Geburtstag, auch meine Mutter ist ein Augustkind, 75 wurde sie am 1. August, und aus diesem Anlaß habe ich mal ein wenig in unserem Familienalbum geblättert (ich gebe zu das Blättern hat etwas länger gedauert...).

Renate im Juli 1938 in Berlin


Geboren wurde sie 1937 in Berlin, eine eher verwirrende Tatsache, hinter deren Geheimnis wir nie kamen, wohl gehütet von meinen mehrfach daraufhin befragten Großeltern, die selbst nicht von dort stammten, und die sich diesbezüglich jedoch in hartnäckiges Schweigen hüllten.

Die kleine Renate mit ihrer Freundin Ingrid

Hier in Groß-Möllen

Groß Möllen, heute Mielno, liegt am Südwest-Ende des Jamunder Sees in der Nähe der Ostsee-Küste in Hinterpommern, etwa zwölf Kilometer entfernt von der Stadt Köslin (heute Koszalin). Irgendwo bei Köslin verbrachte meine Mutter die ersten Jahre ihrer Kindheit, während des Krieges ging es dann nach Thüringen.

Renate Weihnachten 1943 auf dem Haarberg
 
Mitten im Thüringer Wald

Haarberg liegt im Südosten von Erfurt, ein kleiner Ort mit nur wenigen Häusern, viel Wald und vielen Feldern. Offiziell gehört Haarberg zu Rohda, was sich selbst auf einer Fläche von nur 3,6 km² erstreckt, mit nicht mehr als 300 Einwohnern, erst seit 1994 in die Stadt Erfurt eingemeindet.


"Das Erfurtische Rohda ist ein armer von der Natur verwahrloster Ort, der an steilen Bergen liegt, die der Untertan nicht einmal mit Holzansaat recht benutzen kann. Man nährt sich hier kümmerlich vom Ackerbau und vom Spinnen".
Seit 6500 Jahren schon leben Menschen im Rohdaer Gebiet, die Ackerbau und Viehzucht betrieben. Davon zeugen gefundene Tonscherben und Werkzeugbruchstücke. Aber erst im 9. oder 10. Jahrhundert wurde eine dauerhafte Rodungssiedlung gegründet. Daher stammt wahrscheinlich auch der Name Rohda, oft auch Rode oder Rödichen – ein Holzfällerdorf, das seinen Flächenbedarf dem umliegenden großen Waldgebiet entnahm und die Axt im Wappen erklärt. Die erste urkundliche Erwähnung stamt aus dem Jahr 1249. (Quelle & mehr)
 

In Rohda gibt es eine im Jahr 1755 eingeweihte Kirche, an der 40 Jahre gebaut wurde, und in deren unmittelbaren Nähe sich die Rohdaer Einklassenschule befand, die erst 1956 geschlossen wurde. Hier wird meine Mutter wohl anfänglich zur Schule gegangen sein, oder lief sie etwa doch nach Klettbach?

Gruss vom Schloss Haarberg bei Erfurt

Auf dem zur Rohdaer Flur gehörenden Haarberg steht der Gasthof "Schloß Haarberg".

So sah es wohl 1901 innendrin aus....

...und hierhin zog es seit dem späten 19. Jahrhundert die Erfurter ganz offensichtlich nicht nur zum Erwandern des Haarbergs.

Es gab auch noch ein weiteres Lokal in dieser Zeit, das “Weidmannsruh” (auch “Storchnest”), mit gleichfalls gutem Ruf.


Mit der Inbetriebnahme der Reichsautobahn 1940 bekam der “Haarberg” jedoch zunehmend den Charakter einer Kraftfahrer-Gaststätte. Als Wanderziel verlor er an Attraktivität, das benachbarte Gasthaus Weidmannsruh ist längst Geschichte.
Raststätte Haarberg


Irgendwie erinnert mich die Lage des Schlosses an diese Raststätte, aber das ist wohl eher unwahrscheinlich. Neuere Ansichten des Schlosses lassen sich einfach nicht finden.


Die Raststätte liegt an der Straße von Erfurt nach Kranichfeld drei Kilometer von der Anschlussstelle Erfurt-Ost der Bundesautobahn 4 entfernt und ist das einzige Gebäude an das ich mich außer dem Haus meiner Großeltern, welches direkt daneben lag, noch erinnere.

Die Namen der Ortschaften sind übrigens trügerisch, man erwartet kleine Dörfer und findet oft gerade mal nur eine Hand voll Häuser am Straßenrand, als Kind dachte ich, dass die für den Haarberg existierende Postleitzahl, extra für meine Großeltern, der Raststätte und seinem Briefkasten ausgegeben worden seien. Der Briefkasten ist immer noch da, selbst wenn es schwer fällt zu glauben, dass es sich tatsächlich um ein und dieselbe Raststätte handelt. In meiner Erinnerung ist sie grau in grau, es gab keine Ampel, die Straße ist breiter geworden,... und irgendwie sieht es so aus, als stünde das Haus meiner Großeltern nicht mehr.

Blick heute aus der Luft auf die Stelle, wo einst meine Mutter mit ihren Eltern lebte, ist es das Haus , das durch den Weg von der Raststätte getrennt wird?

Aber wieder zurück in die 50er Jahre...

Renate mit Freundinnen und ich glaube, es war immer noch am Haarberg, oder doch schon in Fulda?

Wie auch immer, denn um diese Zeit herum beschließt meine Mutter den Haarberg zu verlassen, in den Westen zu gehen, das Wort fliehen will mir nicht so richtig über die Lippen, auch wenn es selbst in unserer Familie gebraucht wurde. Unsere Mutter war ein "Flüchtling". Thüringen war "Ostzone", ein Gebiet, das den russischen Alliierten unterstand, und wie so viele damals, zog auch meine Mutter die Amerikaner vor. Die Erfahrungen der russischen Kriegsgefangenschaft ihres Vaters mögen sicher mit in diese Entscheidung hineingespielt haben, dazu die Sorge, dass irgendwann die Grenzen zugemacht werden. Als einziges Kind sollte es meine Mutter mal besser haben, das sahen meine Großeltern nicht im Osten. 1956 landet sie im hessischen Fulda, findet ein Zimmer, das kurz zuvor leer geworden war, auch dort war jemand von zu Hause weggegangen.

Mein Vater Egon, geboren 1935 (rechts) mit seinem bei einem Bombenangriff der Amerikaner ums Leben gekommene jüngerem Bruder Josef

Mein Vater Egon feierte seinen 10 jährigen Geburtstag, als die Kapitulation Deutschlands am 8.Mai 1945 den Krieg beendete. Seine Eltern hätten ihn gerne eine gute Schulausbildung machen sehen, doch die Kriegserfahrungen haben Spuren hinterlassen, Schule passt nicht ins Konzept meines Vaters, den es stattdessen mit 16 ins Ruhrgebiet zieht, den Traum, Schiffskoch auf einem großen, die Weltmeere befahrenden Dampfer zu werden, tauscht er ein mit einer Lehre als Former bei der Sterkrader Gute-Hoffnungs-Hütte, Hochofen statt schaukelnder Kombüse. Weihnachten geht es mit dem Zug zurück nach Fulda, die Eltern besuchen, bei seiner Ankunft 1956 gibt es eine Überraschung, meine Mutter. Sie lernen sich ein wenig kennen, verloben sich beim 2. Weinachtsfest in Fulda, und im August 1958 sind sie verheiratet und beziehen eine Wohnung in einem 2 stöckigen Neubau, wo meine Mutter auch noch heute lebt.

Mein Vater Egon 1960

Meine Mutter arbeitet als Stenotypistin im Büro eines Architekten,
1960 kündigt sich Nachwuchs an.

Und da bin ich schon!
Gerade mal 16 Tage alt an diesem 30. Oktober 1960.


Wie damals üblich, bleibt meine Mutter nach meiner Geburt zu Hause,
der Lohn meines Vaters muss nun für uns alle reichen.


1961

1961 habe ich den Stubenwagen bereits mit der Kinderkarre eingetauscht, mit der Nachbarin schiebt man die Kleinen durch den idyllischen Volkspark mit Teich, in den wenige Jahre später Karpfen und andere Fische gesetzt werden, gefolgt von einem Angelverein, dessen treuestes Mitglied mein Vater wird, hier verbringt er so ziemlich alle arbeitsfreien Stunden, oft begleitet von mir, die sich um die Brot-und Käseköder kümmern darf.

Erster Geburtstag

Doch erstmal bin ich noch klein und weiß weder etwas vom Halten eines Keschers noch von der Zubereitung von Fischködern, und während ich, zu Hause noch laufstallgebremst, die kleine Welt um mich herum entdecke, haben sich außerhalb Sterkrades Ereignisse abgespielt, die auch unser Leben berühren würden. Ganz sicher wurden mir noch die Windeln gewechselt, als am 13. August in Berlin mit dem Mauerbau begonnen wurde.


Rosenmontags-Kaffeeklatsch bei Nachbarin Tante Hamann 1963

Kindheit vollzieht sich schnell, ich lerne, dass bis auf meine Mutter Frauen meistens nähen, Kinder kriegen und auf ihre Männer warten, gehe ab 3 in den Kindergarten.

1963 fühle ich mich groß...

Denn seit November 1962 gibt es eine Schwester, auf die ich mitaufpassen muss.

Monika beim Paketauspacken

Wenn unsere Großeltern väterlicherseits uns mal nicht Pakete mit Kümmelbrot und dicken Würsten schickten, waren sie bestimmt schon mit dem Zug aus Fulda zu Besuch gekommen.
Mit einem motorisierten Nachbarn wird einmal ein Familienausflug an die Wasserkuppe organisiert, eine Gegend, die meine Großeltern sehr gerne mochten und die sie uns zeigen wollten, ich fand das ganz aufregend, erst die lange Fahrt und dann auch noch der Schnee...





Hier mache ich erst mal Schluss, einen 2. Teil gibt es vielleicht im nächsten Jahr...

Ob ich eine englische Übersetzung noch nachschiebe...? 
Vielleicht, jetzt bleibt es erstmal so wie es ist, auf Deutsch.


Links zum Weiterlesen, 
einige musste ich schon wieder herausnehmen, denn sie waren bereits kurz nach Benutzung nicht mehr aktuell:

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…


Liebe Birgit,

was eine Familienchronik und Fotos so alles zutage fördern: Klein Birgit lernt schon früh das Angeln und Köder zu erstellen. Das Fernweh und die Liebe zum Meer hast Du wahrscheinlich vom Vater geerbt und auch seine schmalen Hände, die mir nicht für die Arbeit am Hochofen geeignet scheinen. Du siehst, mir entgeht kein Detail. Wahrscheinlich warst Du auch ein Papa-Kind?

Schmunzeln musste ich über Dein Frauen-und Mutterbild: Nähen, Kinderkriegen und Warten – einfach köstlich.
Was mich aber noch mehr erheitert: Du hättest mein Kindergartenkind sein können!!!

Und damit sagt „Tante“ Britta-Gudrun jetzt Gute Nacht